Das Churer Modell ist eines der meistdiskutierten Unterrichtskonzepte im deutschsprachigen Raum — und es beginnt nicht mit einem neuen Lehrplan, sondern mit dem Umräumen des Klassenzimmers. Statt Tischreihen mit Blick zur Tafel gibt es einen Kreis als Treffpunkt und verteilte, unterschiedliche Arbeitsplätze im Raum. Dieser Artikel erklärt, wie das Konzept funktioniert, was es für die Möblierung bedeutet und worauf Schulen bei der Umstellung achten sollten.
Was ist das Churer Modell?
Entwickelt wurde das Konzept Ende der 2000er-Jahre in Chur in der Schweiz, maßgeblich vorangetrieben vom dortigen Schulleiter Reto Thöny. Die Grundidee: Der Klassenraum wird so umgebaut, dass er individualisiertes Lernen von sich aus unterstützt, statt ihn für jeden Wechsel der Sozialform erst umräumen zu müssen.
Drei Elemente machen den Kern aus:
- Der Kreis: Ein Stuhlkreis (ohne Tische) ersetzt die frontale Sitzordnung als Treffpunkt der Klasse. Hier finden kurze Inputs, Besprechungen und Abschlussrunden statt.
- Vielfältige Arbeitsplätze: Im übrigen Raum verteilen sich unterschiedliche Arbeitsplätze — Einzeltische, Gruppentische, Stehplätze, Plätze am Boden oder an der Wand. Kein Kind hat einen festen Platz.
- Freie Platzwahl: Nach dem Input im Kreis wählen die Schülerinnen und Schüler selbst, wo sie arbeiten. Die Lehrkraft gewinnt Zeit für individuelle Begleitung.
Wichtig zur Einordnung: Das Churer Modell schreibt keine bestimmte Didaktik vor. Es ist zunächst eine Antwort auf die Raumfrage — der Unterricht selbst kann je nach Lehrkraft sehr unterschiedlich aussehen.
Warum stellen Schulen um?
Der klassische Frontalunterricht behandelt alle Kinder gleich — dieselbe Aufgabe, dasselbe Tempo, derselbe Platz. In heterogenen Klassen passt das immer seltener. Das Churer Modell setzt an einem pragmatischen Punkt an: Wenn der Raum verschiedene Arbeitsformen gleichzeitig zulässt, kann die Lehrkraft differenzieren, ohne jedes Mal Möbel zu rücken. Kurze Inputs im Kreis halten die Instruktionsphasen knapp; die längste Zeit der Stunde arbeiten die Kinder selbstständig an ihrem gewählten Platz.
Was bedeutet das für die Möblierung?
Die Möbelfrage entscheidet mit, ob das Konzept im Alltag trägt. Bewährt haben sich:
- Leichte, stapelbare Stühle für den Kreis — er wird mehrmals täglich gebildet und aufgelöst, das muss auch für Erstklässler schnell gehen.
- Unterschiedliche Tischformen und -höhen: Einzeltische, die sich zu Gruppen kombinieren lassen, ergänzt um Stehtische oder höhenverstellbare Tische für Arbeit im Stehen.
- Bodenplätze: Sitzkissen oder Teppichflächen für Kinder, die im Knien oder Liegen konzentrierter arbeiten.
- Offene Regale mit Material in Griffhöhe — wer selbstständig arbeitet, muss sich selbst versorgen können.
- Raumgliederung: Niedrige Regale oder Akustikelemente zonieren den Raum und dämpfen den Geräuschpegel, der bei parallelen Arbeitsformen naturgemäß höher ist als im Frontalunterricht.
Da der Kreis Fläche braucht, gilt als Faustregel: lieber weniger, dafür flexible Möbel. Ein vollgestelltes Klassenzimmer verträgt keinen Stuhlkreis für 25 Kinder.
Umstellung in der Praxis
Viele Schulen beginnen mit einem einzelnen Klassenzimmer als Pilot, oft zum Schuljahreswechsel. Sinnvolle Schritte:
- Bestandsaufnahme: Welche vorhandenen Möbel sind leicht und beweglich genug? Schwere Doppeltische passen selten ins Konzept.
- Kreisfläche festlegen — sie bestimmt, wie viel Stellfläche für Arbeitsplätze bleibt.
- Arbeitsplätze mischen: Sitz-, Steh- und Bodenplätze; es müssen nicht mehr Plätze als Kinder sein, aber unterschiedliche.
- Regeln mit der Klasse erarbeiten (Platzwahl, Lautstärke, Materialwege) — das Konzept steht und fällt mit eingeübten Routinen.
- Eltern früh mitnehmen: Ein Klassenzimmer ohne feste Plätze wirft Fragen auf, die sich mit einer kurzen Vorstellung des Konzepts meist klären lassen.
Häufige Fragen
Braucht das Churer Modell mehr Platz als ein normales Klassenzimmer?
Nein — es verteilt den vorhandenen Platz nur anders. Der Kreis braucht Fläche, dafür entfallen starre Tischreihen. In der Praxis funktioniert das Konzept auch in normal großen Klassenzimmern, wenn die Möbel leicht und teils stapelbar sind.
Welche Möbel sind für den Einstieg am wichtigsten?
Leichte, stapelbare Stühle für den Kreis und einige Einzeltische, die sich frei kombinieren lassen. Stehtische, Sitzkissen und offene Regale lassen sich schrittweise ergänzen — die Umstellung muss nicht in einem Zug erfolgen.
Ist das Churer Modell nur etwas für die Grundschule?
Entstanden ist es im Volksschulbereich, und dort ist es am weitesten verbreitet. Die Grundprinzipien — kurze Inputs, freie Platzwahl, vielfältige Arbeitsplätze — werden aber auch in weiterführenden Schulen eingesetzt.
Muss die ganze Schule mitziehen?
Nein. Das Konzept lässt sich pro Klassenzimmer umsetzen — viele Schulen starten mit einer einzelnen Pilotklasse und entscheiden nach einem Schuljahr über die Ausweitung.